Berlin, 20. Dezember 2025: Polizei schränkt einen Fotojournalisten ein, während Journalist:innen die Demonstration dokumentieren. picture alliance / ZUMAPRESS.com | Abdelrahman Alkahlout
Feindbild Journalist:in 10: Journalismus zwischen Anfeindungen und struktureller Prekarität

ECPMF

22 April 2026

No Comments

English version below

Zentrale Ergebnisse der Studie

 

Rückschau 2025

Im Jahr 2025 wurden insgesamt mindestens 34 Fälle physischer Angriffe auf Journalist:innen verifiziert. Nach einem Höchststand von 98 Fällen im Jahr 2024 liegt die Zahl für 2025 erstmals wieder unter dem Niveau von vor der im Jahr 2020 begonnenen Corona-Pandemie. Diese leitete eine Phase des starken Anstiegs von Demonstrationen ein, die geprägt waren von Akteur:innen mit erhöhter Medienfeindlichkeit. In der Folge kam es in diesen Jahren zu einer höheren Zahl physischer Angriffe auf Medienschaffende. 

 

Gleichzeitig ist die Zahl weiter doppelt so hoch wie in den vier Jahren vor der Pandemie, auf die im Schnitt rund 17 Angriffe pro Jahr entfielen. Lediglich das erste Jahr der Betrachtung, in dem es besonders rund um das Mobilisierungsgeschehen von PEGIDA zu vielen Angriffen auf Medienschaffende kam, wies mit 44 Angriffen eine ähnlich hohe Zahl auf. Insgesamt wurden auf MapMF 127 Fälle verschiedener Arten von Verletzungen der Pressefreiheit veröffentlicht. Rund 110 weitere Fälle konnten nicht abschließend verifiziert werden.

 

Während Zunahmen der Fallzahlen vor dem Hintergrund der Tatkontexte analysiert werden können, stellen Abnahmen eine deutlich komplexere Betrachtung dar. Die Studie betrachtet die physischen Angriffe des vergangenen Jahres und diskutiert mögliche Faktoren, die einen Einfluss auf die Fallzahlen haben können. Dazu zählt auch eine Veränderung der Methodologie der Plattform Mapping Media Freedom, die seit 2024 die Datengrundlage darstellt.

Zehn Jahre Feindbild-Daten (2015–2025)

Die zehnte Ausgabe der Studie nimmt die Daten des Zeitraums von 2015 bis 2025 systematisch in den Blick. 

 

Hierbei lassen sich einige Muster erkennen. Physische Angriffe auf Journalist:innen treten bundesweit auf, konzentrieren sich jedoch in bestimmten Regionen und urbanen Räumen. Demonstrationen bilden mit Abstand den zentralen Gewaltkontext. „Innerhalb dieses Kontexts sehen wir eine klare Kontinuität rechter Gewalt. Sie speist sich aus einem ideologisch antagonistischen und zugleich strategisch-instrumentellen Verhältnis zur freien Presse und zeigt sich über Jahre hinweg in stabilen Akteurskonstellationen und wiederkehrenden Mobilisierungszusammenhängen“, sagt Patrick Peltz, Leiter der Studie.

 

Seit 2020 lässt sich daneben eine Verschiebung beobachten: Ideologisch heterogene Proteststrukturen gewinnen als Gewaltkontexte an Bedeutung. Der Anstieg nicht eindeutig zuordenbarer Fälle verweist auf eine Ausdifferenzierung medienfeindlicher Deutungsmuster, die über klar umrissene politische Spektren hinaus anschlussfähig sind. Auch auf der Ebene der Tatmodalitäten zeigen sich über die Jahre hinweg wiederkehrende Muster – von Feindmarkierungen über körperliche Angriffe bis hin zur gezielten Beschädigung journalistischen Equipments. Gewalt erscheint selten als kontextloses Einzelereignis, sondern ist meistens in Eskalationsdynamiken eingebettet, in denen Journalist:innen als Repräsentant:innen eines vermeintlich homogenen „Medien“-Kollektivs markiert werden.

 

Zugleich zeigt sich, dass die Folgen dieser Gewalt ungleich verteilt sind. „Freie Journalist:innen sind strukturell schlechter abgesichert, verfügen über weniger Schutz- und Unterstützungsmechanismen und tragen die Folgen von Angriffen häufig allein – entsprechend können diese für sie deutlich existenzbedrohender werden“, sagt Patrick Peltz. Die Daten verweisen damit nicht nur auf ein Sicherheitsproblem, sondern auf eine langfristige Belastung der professionellen Bedingungen journalistischer Arbeit.

 

Gemeinsame Studie: Strapazierter Journalismus

Die gemeinsame Studie „Strapazierter Journalismus“ des ECPMF und des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld nimmt die von Journalist:innen erlebten Anfeindungen und Arbeitsbedingungen in den Fokus. Auf Basis einer bundesweiten Befragung zeigt sich, dass Anfeindungen kein randständiges Phänomen sind, sondern für viele der Befragten zum Berufsalltag gehören. Ein Großteil der Journalist:innen berichtet von wiederholten Anfeindungen, die sowohl digital als auch im direkten Kontakt erfolgen. Diese Erfahrungen bleiben nicht folgenlos, sondern wirken auf die journalistische Praxis zurück, etwa in Form von Themenverzicht oder Anpassungen in der Berichterstattung.

 

Hinzutreten strukturelle Veränderungen, die die Arbeitsrealität maßgeblich prägen. Die große Mehrheit der Befragten berichtet von wachsender Arbeitsverdichtung, steigendem ökonomischem Druck und zunehmenden Anforderungen. Diese Entwicklungen stehen in engem Zusammenhang mit zentralen Dimensionen journalistischer Praxis. So berichten Befragte teilweise von reduziertem Rechercheaufwand, wahrgenommenen Qualitätseinbußen und instabileren beruflichen Perspektiven. Auch Ausstiegsüberlegungen sind in diesem Kontext zu verorten. Die Ergebnisse verweisen damit im Einklang mit anderen Studien auf eine fortschreitende Prekarisierung des journalistischen Feldes.

 

„Die Ergebnisse zeigen, dass Anfeindungen vor dem Hintergrund ohnehin belastender Arbeitsbedingungen auftreten und als zusätzlicher Faktor bestehende Einschränkungen journalistischer Autonomie verstärken“, so Patrick Peltz.

Cyberangriffe auf Medien

Cyberangriffe auf Medien in Deutschland treten zunehmend häufiger auf und greifen tief in journalistische Arbeitsprozesse ein. Sie unterbrechen die Verfügbarkeit von Inhalten, kompromittieren Daten und können diese gezielt abziehen. Betroffen sind damit nicht nur einzelne Medienhäuser, sondern die Infrastruktur öffentlicher Kommunikation insgesamt. Neben unmittelbaren ökonomischen Schäden – etwa durch Ausfälle, Wiederherstellungskosten und Reputationsverluste – verweist die Analyse auf eine verschärfte Bedrohungslage in einem von geopolitischen Spannungen, hybriden Angriffsformen und zunehmender digitaler Abhängigkeit geprägten Umfeld. Die Akteurslandschaft reicht von kriminellen Gruppen über ideologisch motivierte Netzwerke bis hin zu staatlichen oder staatlich unterstützten Operationen, wobei konkrete Zuordnungen oft unsicher bleiben. 

Gleichzeitig gelten viele Medienorganisationen als strukturell verwundbar, etwa aufgrund komplexer IT-Strukturen und begrenzter Ressourcen. Das tatsächliche Ausmaß von Cyberangriffen auf Medien lässt sich nur schwer erfassen. „Ein erheblicher Teil der Angriffe bleibt unsichtbar, weil viele Medienhäuser Vorfälle aus Sorge vor Reputationsschäden oder weiteren Angriffen nicht öffentlich machen. Dadurch ist die tatsächliche Bedrohungslage nur unvollständig erkennbar“, sagt Jan Möllers, Co-Autor der Studie. 

Umsetzung der Anti-SLAPP-Richtlinie

Der Gesetzentwurf zur Umsetzung der EU-Anti-SLAPP-Richtlinie in Deutschland markiert einen wichtigen Schritt, bleibt in seiner derzeitigen Ausgestaltung jedoch unzureichend. Mit der geplanten Verabschiedung würde das Konzept von SLAPP-Klagen erstmals im deutschen Recht aufgegriffen und verfahrensrechtlich adressiert. Ob daraus ein wirksamer Schutz entsteht, hängt jedoch maßgeblich davon ab, ob bestehende Schutzlücken geschlossen werden. In der aktuellen Form bleiben insbesondere innerstaatliche Konstellationen weitgehend unberücksichtigt, sodass weiterhin erhebliche Defizite bestehen dürften. Auch strukturelle Rahmenbedingungen wie die weitgehend unregulierte Abmahnpraxis stellen weiterhin ein Problem dar.

Feindbild Journalist:in 10: Journalism between hostility and structural precarity

 

Executive Summary

Review of 2025

In 2025, at least 34 cases of physical attacks against journalists were verified. Following a peak of 98 cases in 2024, this marks the first time since the onset of the COVID-19 pandemic in 2020 that the number has fallen below pre-pandemic levels. The pandemic triggered a period of increased protest activity, shaped by actors exhibiting heightened hostility towards the media. As a result, these years saw a rise in physical attacks on media workers.

At the same time, the figure remains twice as high as in the four years prior to the pandemic, when an average of around 17 attacks per year were recorded. Only the first year of the observation period, marked by mobilisations around PEGIDA, showed a similarly high number with 44 attacks. In total, 127 cases of various forms of press freedom violations were published on Mapping Media Freedom (MapMF), while around 110 additional cases could not be conclusively verified.

While increases in case numbers can often be analysed in relation to specific contexts, decreases are more difficult to interpret. The study examines the physical attacks of the past year and discusses possible factors influencing these figures, including changes in the methodology of the Mapping Media Freedom platform, which has formed the basis of the data since 2024.

Ten years of Feindbild data (2015–2025)

The tenth edition of the study takes a systematic look at data from 2015 to 2025. Over this period, several patterns emerge. Physical attacks on journalists occur across Germany but are concentrated in specific regions and urban areas. Demonstrations remain by far the primary context in which such violence takes place. “Within this context, we observe a clear continuity of right-wing violence. It is rooted in an ideologically antagonistic and at the same time strategically instrumental relationship with the free press, and manifests over time in stable actor constellations and recurring mobilisation patterns,” says Patrick Peltz, head of the study.

Since 2020, a shift can also be observed: ideologically heterogeneous protest movements have gained importance as contexts of violence. The increase in cases that cannot be clearly attributed points to a growing diversification of anti-media narratives that extend beyond clearly defined political spectra. Recurring patterns are also evident in the forms of violence themselves, ranging from targeting and marking journalists as enemies to physical assaults and the deliberate destruction of journalistic equipment. Violence rarely appears as an isolated incident, but is typically embedded in escalation dynamics in which journalists are framed as representatives of a supposedly homogeneous “media” collective.

At the same time, the consequences of this violence are unevenly distributed. “Freelance journalists are structurally less protected, have fewer support mechanisms, and often have to bear the consequences of attacks on their own, which makes these incidents significantly more likely to threaten their livelihoods,” says Patrick Peltz. The data thus point not only to a security issue, but to a long-term strain on the professional conditions under which journalism is carried out.

Joint study: Strained journalism

The joint study “Strained Journalism” by ECPMF and the Institute for Interdisciplinary Research on Conflict and Violence at Bielefeld University focuses on journalists’ experiences of hostility and their working conditions. Based on a nationwide survey, the findings show that hostility is not a marginal phenomenon, but part of everyday professional life for many respondents. A large proportion report repeated incidents of hostility, both online and in face-to-face interactions. These experiences have tangible effects on journalistic practice, including the avoidance of certain topics or adjustments in reporting.

Structural changes further shape this reality. The vast majority of respondents report increasing workload pressure, rising economic constraints, and increasing professional demands. These developments are closely linked to key dimensions of journalistic practice. Respondents report, in part, reduced time for research, perceived declines in quality, and increasingly unstable career prospects. Considerations of leaving the profession are also reported in this context. In line with other studies, these findings point to an ongoing precarisation of the journalistic field. “The findings show that hostility occurs against a backdrop of already strained working conditions and acts as an additional factor reinforcing existing constraints on journalistic autonomy,” says Patrick Peltz.

Cyberattacks on media

Cyberattacks against media organisations in Germany are becoming more frequent and increasingly interfere with journalistic processes. They disrupt the availability of content, compromise data, and can involve targeted data exfiltration. As a result, not only individual media organisations are affected, but the infrastructure of public communication as a whole. In addition to direct economic damage, such as operational disruptions, recovery costs, and reputational losses, the analysis points to a deteriorating threat landscape shaped by geopolitical tensions, hybrid forms of attack, and growing digital dependencies. The range of actors involved includes criminal groups, ideologically motivated networks, and state or state-backed operations, while attribution often remains uncertain.

At the same time, many media organisations are structurally vulnerable, for example due to complex IT infrastructures and limited resources. The actual scale of cyberattacks against media is difficult to assess. “A significant share of attacks remains invisible, as many media organisations do not make incidents public due to concerns about reputational damage or further attacks. As a result, the actual threat landscape remains only partially visible,” says Jan Möllers, co-author of the study.

Implementation of the Anti-SLAPP Directive

The draft law implementing the EU Anti-SLAPP Directive in Germany marks an important step, but remains insufficient in its current form. If adopted, it would introduce the concept of SLAPP lawsuits into German law for the first time and address it procedurally. However, whether this will result in effective protection depends largely on whether existing gaps are closed. In its current form, domestic cases in particular remain largely unaddressed, meaning significant shortcomings are likely to persist. Structural factors such as the largely unregulated practice of cease-and-desist letters continue to pose a problem.

Zentrale Ergebnisse der Studie in Zahlen

Weniger Angriffe: Mit 34 physischen Angriffen im Jahr 2025 liegt die Fallzahl erstmals wieder auf dem Niveau von vor 2020. Neben weiteren möglichen Ursachen, die in Kapitel 2 diskutiert werden, ist auch der Einfluss der veränderten Methodologie des Projekts Mapping Media Freedom zu berücksichtigen, die sich auf die Fallzahlen auswirken kann.

 

Schwerpunkt Berlin: 14 Fälle entfallen auf den Stadtstaat. Gegenüber 62 registrierten Fällen im Jahr 2024 bedeutet dies einen deutlichen Rückgang.

 

Demonstrationen bleiben gefährlichster Arbeitsplatz: 55 Prozent der Fälle (19 von 34) ereigneten sich auf Demonstrationen. Weitere 15 Fälle wurden außerhalb dieses Kontexts erfasst, davon 10 im öffentlichen Raum und fünf bei Veranstaltungen.

 

Langfristige Entwicklung: Seit 2015 bilden Demonstrationen mit über 80 Prozent der Fälle den zentralen Gewaltkontext. Innerhalb dieses Rahmens zeigt sich eine anhaltende Kontinuität rechter Gewalt.

 

Zunahme heterogener Protestkontexte: Seit 2020 gewinnen ideologisch heterogene Proteststrukturen als Gewaltkontext an Bedeutung.

 

Regionale Unterschiede: Die ideologische Zuordnung physischer Angriffe variiert deutlich zwischen den Bundesländern. Während in ostdeutschen Bundesländern ein besonders hoher Anteil rechter Gewalt zu verzeichnen ist, treten in anderen Regionen häufiger heterogene Protestkontexte auf.

 

Strukturelle Belastungen im Journalismus: Eine gemeinsame Studie des ECPMF und des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld zeigt, dass Anfeindungen für viele Journalist:innen eine reale und belastende Erfahrung darstellen. In Verbindung mit prekären Arbeitsbedingungen wirken sich diese Erfahrungen auf die professionelle Autonomie aus.

 

Wahrnehmung der Pressefreiheit: Rund 60 Prozent der Befragten stimmen eher oder voll und ganz zu, dass die Pressefreiheit in Deutschland gefährdet ist.

 

Ausstiegsgedanken: Fast 40 Prozent der Befragten haben bereits über einen Ausstieg aus dem Beruf nachgedacht. Journalistinnen berichten dies häufiger als Journalisten.

 

Cyberangriffe als wachsende Bedrohung: Sie beeinträchtigen Verfügbarkeit und Vertraulichkeit, verursachen operative Ausfälle, wirtschaftliche Verluste sowie Reputationsschäden und wirken damit über technische Systeme hinaus auf Pressefreiheit und Öffentlichkeit.

 

Lückenhafte Anti-SLAPP-Umsetzung: Der Kabinettsentwurf fällt hinter den bereits kritisierten Referentenentwurf zurück. Durch die Beschränkung auf grenzüberschreitende Fälle bleiben innerstaatliche SLAPP-Konstellationen unberücksichtigt.

 

Gesamtschau 2015–2025: Das ECPMF dokumentierte 522 Fälle.