ECPMF

26 March 2026

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Strapazierter Journalismus: Anfeindungen und strukturelle Belastungen von Journalist:innen in Deutschland

Ausgangspunkt der Studie

Journalist:innen sehen sich in ihrer täglichen Arbeit in Deutschland mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Sie gehören zu einer der Berufsgruppen, die in den vergangenen Jahren einem erhöhten Maß an Gewalt und Anfeindungen im Rahmen ihrer Arbeit ausgesetzt waren. Zugleich sind sie in einem beruflichen Umfeld tätig, das sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel befindet. Dahinter entfaltet sich ein Arbeitsalltag, in dem sich ökonomische Zwänge, technologische Umbrüche und politische Konfliktlagen verdichten und Journalist:innen in ihrem Arbeitsalltag direkt betreffen.

 

Eine gemeinsame Studie des European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF) und des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld hat diese Entwicklungen zum Anlass genommen, Journalist:innen in Deutschland (N = 383) zu drei zentralen Themen zu befragen: 1) Formen, Intensität und Kontexte von Anfeindungen und Angriffen; 2) individuelle und redaktionelle Folgen dieser Erfahrungen für Wohlbefinden, professionelle Praxis und publizistische Arbeit; 3) Wahrnehmungen struktureller Arbeitsbedingungen im Journalismus sowie deren mögliche Auswirkungen. Die Ergebnisse zeigen zwei zentrale Befundlinien auf.

Anfeindungen als wiederkehrende Erfahrung

Zunächst zeigen die Ergebnisse, dass Anfeindungen – jegliche Formen nicht-körperlicher Ausprägung, darunter z. B. Beleidigungen, Bedrohungen oder Diffamierungen – für einen erheblichen Teil der Befragten eine wiederkehrende Erfahrung darstellen. Körperliche Angriffe berichteten Journalist:innen in der Stichprobe selten, doch auch sie kamen vor. Folgend deuten die Angaben der Befragten Journalist:innen darauf hin, dass diese Erfahrungen unter anderem zu Bewältigungsstrategien führen, die mit Einschränkungen professioneller Autonomie einhergehen, darunter präventiver Themenverzicht oder das Weglassen einzelner Formulierungen. Gleichzeitig wird die Thematik in den Redaktionen zunehmend kollektiv thematisiert. Formalisierte Strukturen und Maßnahmen für den Umgang damit haben jedoch bislang nur in einem Teil der Redaktionen der Befragten Einzug gehalten.

 

Prekarisierung journalistischer Arbeitsbedingungen

Zum anderen erleben Journalist:innen Anfeindungen vor dem Hintergrund struktureller Veränderungen der Arbeitsbedingungen, die als belastend wahrgenommen werden. Zunehmende Arbeitsverdichtung bei gleichbleibenden oder sinkenden personellen Ressourcen sowie wachsender ökonomischer Druck bei steigenden Anforderungen an die Berichterstattung zeichnen das Bild einer aus Sicht der Befragten zunehmenden Prekarisierung journalistischer Arbeitsbedingungen. Die Ergebnisse zeigen zudem systematische Zusammenhänge zwischen belastenden Arbeitsbedingungen und zentralen Aspekten journalistischer Praxis, darunter wahrgenommene Qualitätseinbußen sowie Überlegungen, den Beruf zu verlassen.

 

Wahrgenommene Gefährdung der Pressefreiheit

Eine Mehrheit der Befragten nimmt eine zunehmende Gefährdung der Pressefreiheit in Deutschland wahr. Diese Wahrnehmung steht zudem in einem signifikanten Zusammenhang mit der Bewertung struktureller Arbeitsbedingungen. Die Ergebnisse legen nahe, dass Diagnosen einer bedrohten Pressefreiheit nicht ausschließlich im Kontext politischer Konflikte oder öffentlicher Debatten entstehen, sondern auch mit Erfahrungen strukturellen Drucks im beruflichen Alltag verknüpft sein können.

Limitationen

Die vorliegende Studie unterliegt mehreren Einschränkungen. Aufgrund der methodischen Anlage lassen sich keine repräsentativen Aussagen über alle Journalist:innen in Deutschland treffen. Zudem beruhen die Ergebnisse auf subjektiven Einschätzungen der Befragten. Aufgrund des querschnittlichen Designs und der überwiegend deskriptiven und korrelativen Auswertung lassen sich daraus jedoch keine Aussagen über kausale Zusammenhänge ableiten. Gleichwohl liefern die Befunde wichtige empirische Hinweise darauf, wie Journalist:innen selbst die gegenwärtigen Herausforderungen ihres Berufs wahrnehmen und einordnen.

 

Autoren

Dr. Patrick Peltz (ECPMF): patrick.peltz@ecpmf.eu

Dr. Yann Rees (IKG, Universität Bielefeld): y.rees@uni-bielefeld.de

Ausblick

Am 22. April erscheint die 10. Auflage der Studienreihe „Feindbild Journalist:in“.

Zusammenfassung der Ergebnisse

  • Für den vorliegenden Bericht wurden insgesamt 383 Journalist:innen zwischen November 2025 und Februar 2026 im Rahmen einer Online-Studie befragt. Inhaltlich fokussierte der Fragebogen auf die Themenblöcke erlebte Anfeindungen und deren Auswirkungen sowie auf die Wahrnehmung aktueller Arbeitsbedingungen.
  • Die Mehrheit der Befragten hat in den letzten 12 Monaten mindestens einmal persönlich Anfeindungen erlebt (65,4 Prozent). 53,4 Prozent wurden mehrfach angefeindet. Am häufigsten werden Anfeindungen über digitale Kanäle (soziale Medien, E-Mail) verbreitet, aber viele Befragte erleben sie auch von Angesicht zu Angesicht. Anfeindungen zielen in den Augen der befragten Journalist:innen vor allem allgemein auf „die Medien“, gefolgt von den journalistischen Inhalten und den Gruppen/Personen, über die berichtet wird. 73,3 Prozent der betroffenen Journalist:innen nehmen erlebte Anfeindungen als ideologisch motiviert wahr. 78,6 Prozent der Betroffenen geben an, Anfeindungen häufig oder sehr häufig einem politisch rechten Hintergrund zuzuordnen. 10,6 Prozent ordnen Anfeindungen häufig oder sehr häufig einem linken Hintergrund zu, 7,7 Prozent geben eine religiöse Motivation an.
  •  Die Auswirkungen von Anfeindungen betreffen die persönliche und redaktionelle Ebene. 33 Prozent der Befragten geben an, dass Anfeindungen sie eher oder voll und ganz persönlich belasten, 37,2 Prozent lehnen dies eher oder vollständig ab. 20,5 Prozent sind der Meinung, dass ihre Haltung zum Publikum sich aufgrund von Anfeindungen eher oder voll und ganz verschlechtert habe. 15,4 Prozent geben an, aus Sorge vor Anfeindungen bestimmte Themen bereits mindestens einmal nicht in Erwägung gezogen zu haben. 25,6 Prozent stimmen eher oder voll und ganz zu, dass die Stimmung im Team angespannter geworden sei. Lediglich eine Minderheit von 23,9 Prozent der Befragten gibt an, dass Strukturen und Maßnahmen in ihrem Arbeitsumfeld eingeführt wurden, um mit Anfeindungen umzugehen. Zugleich berichten 36,3 Prozent, dass Anfeindungen die Solidarität im Team eher oder voll gestärkt hätten.
  • Die Arbeitsbedingungen im Journalismus werden von der überwiegenden Mehrheit als zunehmend belastend eingeschätzt. 82,4 Prozent sind eher oder voll und ganz der Meinung, dass ihre Arbeit verdichteter geworden sei, bei gleichbleibenden oder geringeren personellen Ressourcen. 56,6 Prozent geben an, dass die Beschäftigungssicherheit eher oder voll und ganz abgenommen habe. Über Dreiviertel (77,7 Prozent) sind zudem eher oder voll und ganz der Meinung, dass die Anforderungen an journalistische Arbeit sich durch das veränderte politische Klima und öffentliche Debatten erhöht hätten. 39 Prozent der Befragten geben an, bereits einmal über einen Berufsausstieg nachgedacht zu haben, wobei Journalistinnen dies signifikant häufiger berichten als Journalisten. 37,5 Prozent stimmen eher oder voll und ganz zu, Themen nicht aus Angst vor Anfeindungen, sondern generell aufgrund gestiegener Arbeitsbelastung vermieden zu haben. 60,3 Prozent sehen die Pressefreiheit in Deutschland eher oder voll und ganz in Gefahr. Für 79,5 Prozent der Befragten gehen erlebte Anfeindungen im Vergleich zu strukturellen Veränderungen entweder überhaupt nicht oder nur in geringerem Maße mit beruflichen Einschränkungen einher.
  • Anfeindungen gegenüber Journalist:innen treten selten isoliert auf. Vielmehr wirken sie im Zusammenspiel mit zunehmendem ökonomischem Druck und steigenden strukturellen Herausforderungen im Journalismus. Für viele Befragte entsteht die Belastung im Berufsalltag aus der Kombination von politischen Anfeindungen und strukturellen Veränderungen journalistischer Arbeitsbedingungen.

Stressed Journalism: Harassment and Structural Pressures on Journalists in Germany

 

Study Background

Journalists in Germany face a range of challenges in their daily work. In recent years, they have been among the professional groups exposed to increased levels of violence and harassment in the course of their work. At the same time, they operate in a professional environment undergoing a profound structural transformation. This results in a working context in which economic pressures, technological shifts, and political conflicts converge and directly affect journalistic practice.

 

A joint study by the European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF) and the Institute for Interdisciplinary Research on Conflict and Violence (IKG) at Bielefeld University takes this constellation as a starting point to survey journalists in Germany (N = 383) on three central issues: 1) forms, intensity, and contexts of harassment and attacks; 2) individual and editorial consequences of these experiences for well-being, professional practice, and journalistic work; 3) perceptions of structural working conditions in journalism and their potential effects. The results point to two central lines of findings.

Harassment as a Recurring Experience

The findings first show that harassment – understood as all forms of non-physical misconduct, including insults, threats, or defamation – constitutes a recurring experience for a substantial proportion of respondents. Physical attacks were reported less frequently but did occur. The responses further suggest that these experiences are associated with coping strategies that entail restrictions on professional autonomy, including the pre-emptive avoidance of certain topics or the omission of specific formulations. At the same time, the issue is increasingly addressed collectively within newsrooms. However, formalized structures and measures to deal with harassment have so far been established only in a subset of the respondents’ organizations.

 

Precarization of Journalistic Working Conditions

Journalists experience harassment against the backdrop of structural changes in working conditions that are perceived as burdensome. Increasing workload intensity combined with stable or declining staffing levels, as well as growing economic pressure alongside growing demands placed on reporting, point to what respondents perceive as a growing precarization of journalistic work. The findings also indicate systematic associations between adverse working conditions and key aspects of journalistic practice, including perceived declines in quality and considerations of leaving the profession.

 

Perceived Threats to Press Freedom

A majority of respondents perceive an increasing threat to press freedom in Germany. This perception is significantly associated with their assessment of structural and financial working conditions. The findings suggest that perceptions of a threatened press freedom do not arise solely in the context of political conflicts or public debates but may also be linked to experiences of structural pressure in everyday professional life.

 

Limitations

The study is subject to several limitations. Due to its methodological design, the findings are not representative of all journalists in Germany. Moreover, the results are based on respondents’ self-assessments. Given the cross-sectional design and the predominantly descriptive and correlational analyses, no causal inferences can be drawn. Nevertheless, the findings provide empirical insight into how journalists themselves perceive and interpret the current challenges of their profession.

Summary of Findings

  • A total of 383 journalists were surveyed between November 2025 and February 2026 as part of an online study. The questionnaire focused on experiences of harassment and their effects, as well as on perceptions of current working conditions.
  • A majority of respondents reported having experienced harassment at least once in the past 12 months (65.4 percent). 53.4 percent reported repeated incidents. Harassment most commonly occurs via digital channels (social media, email), although many respondents also experience it face-to-face. According to respondents, harassment is primarily directed at “the media” in general, followed by journalistic content and the groups or individuals covered in reporting. 73.3 percent of affected journalists perceive harassment as ideologically motivated. 78.6 percent report that harassment is frequently or very frequently associated with a right-wing political background. 10.6 percent associate it frequently or very frequently with a left-wing background, while 7.7 percent indicate a religious motivation.
  • The effects of harassment manifest at both the individual and editorial levels. 33 percent of respondents report that harassment affects them personally to some or a great extent, while 37.2 percent rather or completely disagree. 20.5 percent state that their attitude toward audiences has deteriorated somewhat or significantly as a result of harassment. 15.4 percent report having refrained at least once from considering certain topics due to concerns about harassment. 25.6 percent agree somewhat or strongly that the atmosphere within their team has become more strained. Only a minority (23.9 percent) report that structures and measures have been introduced in their work environment to address harassment. At the same time, 36.3 percent indicate that harassment has somewhat or strongly strengthened solidarity within their team.
  • Working conditions in journalism are perceived by a large majority as increasingly demanding. 82.4 percent somewhat or strongly agree that their workload has intensified while staffing levels have remained the same or declined. 56.6 percent report that job security has somewhat or significantly decreased. More than three quarters (77.7 percent) somewhat or strongly agree that the demands placed on journalistic work have increased due to changes in the political climate and public debates. 39 percent report having considered leaving the profession at least once, with female journalists reporting this significantly more often than their male counterparts. 37.5 percent somewhat or strongly agree that they have avoided certain topics not due to fear of harassment, but due to increased workload. 60.3 percent perceive press freedom in Germany as somewhat or seriously at risk. For 79.5 percent of respondents, experienced harassment is associated with either no or comparatively fewer professional constraints than structural changes.
  • Harassment against journalists rarely occurs in isolation. Rather, it operates in conjunction with increasing economic pressure and growing structural challenges in journalism. For many respondents, the strain experienced in everyday work arises from the combination of political harassment and structural changes in journalistic working conditions.