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07.11.2019

Unsere erste Stipendiatin – Eine Initiative des Helpdesk

Über die Funktionsweise des Helpdesk:

Der Helpdesk hat das Ziel Journalist*Innen im Exil in Deutschland zu unterstützen und sie darin zu befähigen ihrer journalistischen Arbeit nachzugehen. Der Helpdesk reagiert damit auf die Herausforderungen mit denen Journalist*Innen im Exil konfrontiert sind.

 „Neben der Koordination und Finanzierung von verschiedenen Unterstützungsangeboten, vergeben wir Mikrostipendien für Praktika, um die berufliche Qualifikation von Journalist*innen im Exil zu unterstützen,“ so Katrin Schatz, die Helpdesk-Managerin.

 „Über den Helpdesk lernte ich Heba, unsere erste Stipendiatin, kennen. Sie beeindruckte mich bereits während unseres ersten Telefonats  mit ihrer Zielstrebigkeit.  Trotz schwieriger Umstände geht sie mit Ehrgeiz ihrer journalistischen Tätigkeit nach und macht Pläne für ihre Zukunft“, betont Frau Schatz.

Im folgenden das Interview mit unserer ersten Stipendiation Heba über ihre Erfahrungen:

ECPMF's Helpdesk: Our first scholar Heba Alkadri working in taz's Berlin newsroom | Photo: Heba Alkadri

European Centre for Press and Media Freedom: Warum willst du Journalistin sein und was reizt Dich an dem Beruf?

Heba Alkadri: Als Kind wollte ich schon immer Journalistin werden. Meine Mutter sagte, ich hätte mehr Papier und Stifte gebraucht als Essen. Ich kenne jedoch die Zeiten nicht, in denen es der gedruckten Zeitung gut ging und JournalistIn ein angesehener Beruf war. Ich kenne Journalismus nur als der verbotene Beruf und JournalistInnen, die verschwunden sind und gefoltert wurden. In Deutschland geht es ständig um die Krise des Journalismus und um die prekäre Beschäftigung. Trotzdem reizt mich vieles an dem Beruf.

Einzig die Geschichte formt Klischees. Und das Problem mit Klischees ist nicht, dass sie unwahr sind, sondern dass sie unvollständig sind. Oft wird in den Medien über MigrantInnen und Geflüchtete geredet. Doch kaum jemand lässt sie zu Wort kommen, sie sind kaumrepräsentiert. Das Problem ist natürlich: Es gibt nicht genügend Migranten in den Redaktionen. Zwischen 1 und 3 Prozent liegt der Anteil von JournalistInnen mit Migrationshintergrund in deutschen Medien. Da fühle ich mich verpflichtet, den Beruf zu machen, dieunerzählten Geschichten zu erzählen.

Die Medien habe zwar keinen großen Einfluss auf das, was das Publikum zu einzelnen Themen denkt, aber einen erheblichen Einfluss darauf, worüber es sich überhaupt Gedanken macht.

Hier will ich tätig werden, damit ich Geschichten erzählen kann, die sonst unerzählt bleiben.

 

Wie gefällt dir dein Praktikum bei der taz?

Die Philosophie, die hinter dem Haus steht, liegt mir am Herzen. Taz ist ein unabhängiges, leserfinanziertes Medium. Nach innen hat die taz flache Hierarchien und istoffen und durchlässig wie kaum eine andere Zeitung – bis zur Ebene der Chefredaktion.

Die taz ist für viele ein Zuhause. Für mich ist sie das auch. Ich fühle mich wohl, angesehen, zugehörig. “Deiner Geschichte ist uns wichtig, deine Name darf nicht falsch ausgesprochen werden!,” das wurde mir an meinem allerersten Tag bei der taz gesagt. Das gibt einem Kraft! 

 

Wie sieht dein Arbeitsalltag bei der taz aus, mit welchen Aktivitäten bist du dort beschäftigt? Und was lernst du neu dazu?

Jeden Tag haben wir ein kleines, Ressort-internes Meeting. . Danach haben wir eine große, (oft) 45-minütiges Konferenz. Jeden Tag schauen wir uns gemeinsam mit den Redakteuren und Volontären die ausgedruckten Seiten an und können Kritik zum bisherigen Stand äußern. Hier können alle zu Wort kommen.

Ich lerne hier, wie man eine Geschichte so schreibt, dasssie interessant für den Leser wird. Ich lerne wie man auf den Punkt erzählt. Welche Begriffe man benutzt. Ich habe eine Geschichte über eine Syrerin geschrieben. Die Redaktion hat mich auf die Pauschalisierung und Verallgemeinerungen in meinem Artikel aufmerksam gemacht. Ich lerne den Ablauf in der Redaktion einer Überregionalen Zeitung und den netten Umgang miteinander. Ich habe Kontakte geknüpft.

 

Konntest du bereits Artikel veröffentlichen? Über welche Themen hast du geschrieben?

Mit der Sprecherin des grünen Kreis-verbandes Ulrike Seemann-Katz habe ich ein Interview geführt. Ich habe über Pressefreiheit im Irak geschrieben. Ein Review von einem Podcast. Eine kleine Geschichte über mich als ich 16 war. Die wurde zum 16. Geburtstag unseres Ressorts veröffentlicht. Momentan arbeite ich an einem Interview mit einer libanesischen Journalistin über die Rolle der Medien im gewaltlosen Widerstand. Und an einer spannenden Geschichte über eine Syrerin, die mit einer älteren deutschen Dame befreundet ist. Nicht trotz des Altersunterschieds, sondern deswegen!

Print Edition of taz | Photo: Heba Alkadri

Inwiefern hilft Dir das Stipendium, dein Praktikum zu absolvieren?

Alsich die Zusage für ein Praktikum bei der taz bekam, war mein Plan, mir einen Nebenjob zu suchen. Das hätte bedeutet, jedes Wochenende 16 Stunde zu arbeiten, um meine Miete bezahlen zu können. Das wäre hart geworden!

Mit dem Stipendium kann ich meine Miete bezahlen. Am Wochenende kann ich recherchieren und schreiben. Ich kann entspannt interessante Angebote besuchen. Ich muss mir keine Sorgen um Geld machen. Ich kann Berlin entdecken und mich auf das Wesentliche konzentrieren.

Da Deutsch nicht meine Muttersprache ist, brauche ich doppelt so viel Zeit wie viele andere Praktikanten bei der taz. Deshalb schreibe ich oft an den Wochenenden. Damit ich so viel wie möglich veröffentlichen kann.

 

Du hast schon verschiedene unbezahlte Praktika gemacht. Inwiefern unterscheidet sich die Praktikumserfahrung bei der taz durch das Stipendium?

Ich habe ein Praktikum in meiner Heimatstadt gemacht. Mir war bewusst, dass das Praktikum unbezahlt ist. Ich dachte aber, dass ich meine Beiträge honoriert würden. Doch das war nicht der Fall!

Ich verbinde Journalismus mit Qualität.  Ich würde lieber gute Falafel verkaufen als einen schlechten Text zu schreiben. Deshalb habe ich auch außerhalb meiner Arbeitszeit geschrieben. Ich habe lange Interviews gemacht. Ich war zufrieden mit meiner Arbeit. Am Ende war ich aber enttäuscht, dass ich nicht bezahlt wurde. Frustrierend war das.

Man kann lange über Qualität im Journalismus sprechen. Wenn man aber die Leere sieht, die auf demKonto herrscht, fragt man sich, hat es sich gelohnt? Oder ist es doch naiv, was ich gemacht habe? Solche Zweifel sind nicht gesund..

Das Stipendium hat mich gestärkt.

 


 

Um der Interview auf Englisch zu lesen, klicken Sie hier