Menue_phone
29.11.2019

Neuer Anlauf für die Medienfreiheit: Vier internationale Organisationen formulieren Forderungen an neue Regierung Österreichs 

Österreichs Medienfreiheit ist gefährdet. Die Politik der türkis-blauen Regierung hat in den letzten beiden Jahren gezeigt, dass das aktuelle Mediensystem politisch beeinflussbar ist. Allein im ersten Jahr der Regierung Kurz ist Österreich im internationalen Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen um fünf Plätze auf Platz 16 abgerutscht, nahezu die Hälfte der Journalistinnen und Journalisten im Land sehen laut einer Umfrage die Medienfreiheit gefährdet. Anfeindungen und Einschüchterungsversuche gegenüber Journalistinnen und Journalisten, online wie offline, erreichten zudem unter der türkis-blauen Regierung ein neues Ausmaß. Darüber hinaus geben Einschränkungen des journalistischen Zugangs zu Informationen über die Regierungsarbeit Anlass zur Sorge über die Lage der Medien- und Informationsfreiheit in Österreich.

Dies war Anlass für eine internationale Delegation von Medienfreiheits- und Journalistenorganisationen, die Situation vor Ort zu überprüfen. Das European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF), Reporter ohne Grenzen Österreich, das International Press Institute (IPI) und die European Federation of Journalists (EFJ) haben renommierte Journalistinnen und Journalisten von öffentlich-rechtlichen, überregionalen und regionalen Medien, Repräsentanten des ORF sowie die Medienpolitischen Sprecherinnen und Sprecher mehrerer großer Parteien getroffen. Ein Gespräch mit der ÖVP und der FPÖ kam nicht zustande.

Basierend auf den Gesprächen und Erkenntnissen richten wir folgende gemeinsame Forderungen an die kommende ÖVP-geführte Regierung:

Forderung 1: Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sichern

Wir fordern eine Reform des ORF Gesetzes, durch die der ORF gestärkt und zukunftsfähig wird.

Die politische Beeinflussung des ORF muss beendet und abgewendet werden. Die enge strukturelle Verflechtung von Politik und öffentlich-rechtlichem Sender muss dafür aufgelöst werden. Führungspositionen in den Sendern sind nach professionellen und nicht nach politischen Kriterien zu besetzen. Der Stiftungsrat muss fachkundig und mehrheitlich parteiunabhängig besetzt und damit entpolitisiert werden. Er sollte auch die Zivilgesellschaft des Landes berücksichtigen und abbilden. Mitglieder des ORF-Stiftungsrates müssen konsequent entlassen werden können, wenn diese aus politischen Gründen ORF-Journalistinnen und Journalisten angreifen. 

Die unabhängige Finanzierung des ORF muss sichergestellt werden, zum Beispiel über eine allgemeine Haushaltsabgabe. Auf keinen Fall darf die Budgetierung des ORF seitens des Finanzministeriums einer jedweden Regierung abgedeckt werden. Die Umstellung auf Staatsbudget-Finanzierung birgt die Gefahr der politischen Beeinflussung – der ORF könnte so langfristig vom öffentlich-rechtlichen zum Staatsmedium werden. Die Finanzierung muss ausreichen, um dem Programmauftrag zu entsprechen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer-Rechte müssen gewahrt werden.

Forderung 2: Einschüchterungsversuche gegen Journalistinnen und Journalisten unterlassen

Wir beobachten eine Veränderung des politischen Klimas, nicht nur in Österreich. Es kommt vermehrt zu Einschüchterungsversuchen in einer politischen Kultur der redaktionellen Einmischung, etwa durch strategische Androhungen von Klagen oder die Verwendung eines medienfeindlichen Vokabulars. Anfeindungen (online, offline, verbal, tätlich) gegenüber Journalistinnen und Journalisten sind zu unterlassen. Anfeindungen, Attacken und Diffamierungen gegen Journalistinnen und Journalisten müssen von jeder Bundesregierung und Parteispitzen konsequent verurteilt und nachverfolgt werden.

Forderung 3: Informationsfreiheitsgesetz nach internationalen Standards einführen

Österreich gehört innerhalb der EU zu den Schlusslichtern in Sachen Informationsfreiheit- und Transparenzgesetz. Das zu verabschiedende Informationsfreiheitsgesetz muss internationalen Standards genügen und durch entsprechenden politischen Willen in der Praxis auch umgesetzt werden. Das noch immer geltende “Amtsgeheimnis” nach §46 Beamten- und Dienstrechtsgesetz hat als Begründung für verweigerte Informationen, die im öffentlichen Interesse sind, längst ausgedient. 

Forderung 4: Journalistische Regierungskontrolle statt „Message Control“!

Das Verhältnis von politischer PR und Politikberichterstattung darf nicht im Missverhältnis stehen. Statt verstärkter PR-Maßnahmen seitens der Parteien fordern wir einen freien journalistischen Zugang zu Informationen über die Regierungs- und Parlamentsarbeit sowie eine offene, transparente Kommunikationspolitik, um den demokratischen Diskurs zu fördern.

Forderung 5: Medienvielfalt muss gestärkt werden

Medienvielfalt muss gefördert und das entsprechende Umfeld dafür garantiert werden.

Die Verwendung von öffentlichen Geldern für Werbe-Inserate muss so beschränkt werden, dass diese nicht als Instrumente einer informellen Medienförderung verwendet werden können beziehungsweise politischen Gefälligkeitsdiensten, Einschüchterungen oder der Zensur von Medien dienen.

Die bestehende Presseförderung muss neu und zeitgemäß geordnet werden um pluralistischen und unabhängigen Journalismus zu fördern. Das muss für alle Medienbereiche gelten.

Forderung 6: Klare Positionierung der Parteien für Pressefreiheit!

Wir fordern alle Parteien und die künftige Bundesregierung dazu auf, klar Stellung für die Medienfreiheit zu beziehen und diese als Priorität anzusehen. 

 

Für inhaltliche Fragen steht Ihnen Martin Hoffmann, ECPMF, zur Verfügung: hoffmann@ecpmf.euPressekontakt ECPMF: Faith Miyandazi, press@ecpmf.eu, +49 (0) 341 20040317



New possibilities for media freedom: Four international organisations issue set of calls to Austria's new government

Austria's media freedom is under threat. Over the last two years, the policies of the previous government showed that the current media system can be influenced politically. In its first year under the government of Sebastian Kurz, Austria fell five places on the international press freedom ranking of Reporters Without Borders, to 16th place. According to a survey, nearly half of Austria’s journalists feel that media freedom is in a precarious state. Harassment and threats against journalists, both online and offline, also reached a new level under Kurz’s government. In addition, restrictions on journalistic access to information related to the government’s work gives cause for concern about the situation of media freedom and the free flow of information in Austria.

This concern prompted an international delegation of media freedom and journalist organisations to review the situation on the ground. The European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF), Reporters without Borders Austria, the International Press Institute (IPI) and the European Federation of Journalists (EFJ) met well-known journalists from public, national and regional media, representatives of the ORF public broadcaster as well as the media policy spokespersons of several major parties. A discussion with the Austrian People’s Party (ÖVP) and the Freedom Party (FPÖ) did not take place.

Based on the discussions and insights we address the following joint calls to the upcoming ÖVP-led government:

 

Call 1: Secure the independence of the public service broadcaster (ORF)

We call for a reform of the ORF law to strengthen the ORF and make it sustainable for the future.

Political influence on the ORF must be ended and prevented. The close structural links between politics and the public broadcaster must be broken. Leading positions in the broadcaster must be filled according to professional and not political criteria. The Foundation Board must be staffed according to expertise and a majority of its members must be independent of political parties. The Foundation Board should also take into account and reflect civil society. Members of the ORF Foundation Board must be able to be removed if they attack ORF journalists for political reasons.

The independent financing of ORF must be ensured, for example through a license fee charged to households. Under no circumstances should the ORF's budget be covered by the Ministry of Finance of any government. The switch to state budget financing bears the risk of political influence - ORF could in the long term become a state media outlet instead of a public one. The funding must be sufficient to meet the programme mandate. Employees' rights must be safeguarded.

Call 2: Refrain from intimidating journalists

We observe a change in the political climate, not only in Austria. There are increasing attempts to intimidate journalists amid a political culture of editorial interference, for example through strategic threats of lawsuits or the use of anti-media rhetoric. Policy makers should restrain from hostility (online, offline, verbal, physical) towards journalists. Hostility, attacks and defamation against journalists must be consistently condemned and pursued by every federal government and leaders of political parties.

Call 3: Introduce a Freedom of Information Act in line with international standards

Austria is one of the worst countries in the EU when it comes to freedom of information and transparency legislation. The planned Freedom of Information Act must meet international standards and must be accompanied by the political will to implement it in practice. The doctrine of "official secrecy" ("Amtsgeheimnis") still in force under Art. 46 of the Civil Service and Employment Law Act (Beamten- und Dienstrechtsgesetz) has long since exhausted its purpose as a reason for denying information that is in the public interest.

Call 4: Journalistic government control instead of "message control"!

The relationship between political PR and political reporting must not become unbalanced. Instead of increased PR activity on the part of the political parties, we demand free journalistic access to information on government and parliamentary work and an open, transparent communication policy to promote democratic discourse.

Call 5: Media diversity must be strengthened

Media diversity must be promoted and the appropriate environment for it must be guaranteed.

The use of public money for advertising must be restricted so that it cannot be used as an instrument for informal media support, political favours, intimidation or media censorship.

The existing rules on public financial support to the press must be reformed in order to promote pluralistic and independent journalism. This must apply to all sectors of the media.


Call 6: Clear positioning of political parties in favour of press freedom

We call on all parties and the future federal government to take a clear stand for media freedom and to acknowledge it as a priority.

 

For content-related questions Martin Hoffmann, ECPMF, is at your  disposal: hoffmann@ecpmf.eu. Press contact ECPMF: Faith Miyandazi, press@ecpmf.eu, +49 (0) 341 20040317